Panorama
FRANZISKA UHL
FraenziKnopf
Lithographie2002
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DIE VERBINDUNG VON MENSCH UND BAUM ...

KÖRPERLANDSCHAFTEN

Oft werde ich gefragt, warum ich in meiner Kunst nicht farbig arbeite. Ich arbeite farbig-einfarbig. In der Einfarbigkeit finde ich einen Reichtum von Zwischentönen, der mir genügt. Die Schlichtheit einer einzigen Farbe unterstützt die Klarheit der Form und Struktur, die mich in meiner Arbeit interessiert. Mit Farben tobe ich mich in meiner Färbewerkstatt aus und nutze dabei mein Wissen über Farben, welches ich mir in meinem ersten Studium der Malerei erworben habe.

METAMORPHOSE –
fortdauernde Bewegung nach Innen,
Wanderung ohne Ziel im Wechselspiel von Ankunft und Abschied, von Licht und Schatten, sinnlicher und schmerzhafter Prozess
des Verloren-Seins und Sich-wieder-Findens.

Franziska Uhl

1995 begann ich, mich intensiv mit der Radierung zu beschäftigen und bemerkte bald, was mich daran so faszinierte und bis heute nicht loslässt: es ist der „Fehler“, der „falsche“, nicht geplante Strich, der beim Zeichnen mit der Stahlnadel oder beim Ätzen einer Aquatinta passiert und der sich nicht rückgängig machen lässt. Man muss auf ihn eingehen, die feste Vorstellung von der Zeichnung wird aufgebrochen und verändert sich, wird dadurch authentischer. Jede Verletzung der Kupferplatte wird im Druck sichtbar und lässt sich nicht wieder wegnehmen. So kommt es nur zu Platten, die gelingen oder die verloren sind, es gibt kein „Dazwischen“, geschönt durch Korrekturen.

Eben darum empfinde ich die Technik der Radierung als so lebensnah, als ganz authentisch zu meinem persönlichen Leben. Wie oft hatte ich eine feste Vorstellung von dem nächsten Schritt auf meinem Weg und wie oft wurde durch ein unerwartetes Ereignis, auf das ich keinen Einfluss hatte, der Schritt in eine andere Richtung gelenkt! Und doch führte mich dieser „veränderte“ Schritt näher zu mir selbst als es der meiner Vorstellung entsprungene hätte tun können.

So ist es auch in der Radierung. Ein inneres Bild von der Figur liegt als Grundkonzept meiner Arbeit immer zugrunde, und dann passiert es, dass nicht alles so klappt, wie ich es wollte, eine Linie ist mir „ausgerutscht“ oder eine Fläche zu ungleichmäßig geätzt, und auf einmal muss ich loslassen, auf die Veränderung eingehen, anders hinsehen und das „Anders – Sein“ akzeptieren und damit weiterarbeiten oder aufgeben. Die Schöpfung der Figur braucht, wie im Leben, den ewigen Kampf zwischen fester Vorstellung und dem Loslassen dieser.

Meine Radierungen wurden häufig in Verbindung mit den Arbeiten von Bildhauern ausgestellt, und über die Jahre entstand langsam eine leise Sehnsucht, meine Gestalten in das Plastische umzusetzen; aber ich hatte nicht den Mut dazu, hatte ich doch nie einen Versuch gewagt und auch während meines Studiums in Dresden nie die Chance ergriffen, mich bei den Bildhauern umzusehen.

Im Winter 2000 veränderte sich mein Leben schlagartig. Aufgrund eines Brandanschlages verlor ich Wohnung und Atelier, der größte Teil meiner Radierungen und Zeichnungen wurde vernichtet. Doch noch schlimmer war: ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich zweifelte an allem, was ich bis dahin gemacht hatte und konnte monatelang nicht arbeiten. Jeder Strich, jede Zeichnung erschien mir sinnlos. Wie im Leben suchte ich auch in der Kunst einen Neubeginn. Im Sommer ging ich auf ein Symposium nach Polen. Ich wollte dort Radierungen machen, aber ich scheiterte. Dafür fand ich vor Ort Baumstämme, Motorsäge und Flex. Ich machte meine erste Skulptur zu meinem bevorzugten Thema „Metamorphose“.

Die Arbeit am Holz brachte den Neubeginn, den ich so verzweifelt gesucht hatte. Seither hat die bildhauerische Arbeit einen ebenso festen Platz in meinem Werk wie die graphische Arbeit. In dem Prozess der Bearbeitung von einem Baumstamm zu einer Skulptur finde ich eine Verschwisterung mit der Radierung: das grobe Verletzen am Anfang, dann das Erarbeiten der Feinheiten; und wie im Kupfer wird auch im Holz jeder Eingriff sichtbar und ist nicht mehr rückgängig zu machen. Das Material bietet einen Widerstand, der mich zwingt, bedingt nachzugeben und ihm seinen eigenen Raum zu lassen. Mit den ersten bildhauerischen Versuchen fand ich auch wieder meinen Weg zur Radierung, nun reduzierter und kompromissloser als früher.

Franziska Uhl